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Bildung – Macht – Eliten

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Bildung – Macht – Eliten

Details over Bildung – Macht – Eliten

Zur Reproduktion sozialer Ungleichheit
Einleitung: Bildung - Macht - Eliten
Angela Graf und Christina Möller
Bildung, Macht und Eliten stehen in einem engen Zusammenhang. Auf der einen Seite stellt Bildung in Form von Wissen und Bildungszertifikaten eine Grundvoraussetzung für den Zugang zu privilegierten gesellschaftlichen Positionen dar - insofern macht Bildung Eliten. Auf der anderen Seite haben gesellschaftliche Eliten aufgrund ihrer Macht über gesamtgesellschaftliche Entscheidungen und Entwicklungen Einfluss auf Strukturen und Rahmenbedingungen des Bildungswesens und damit auch Einfluss auf die eigene (Re-)Produktion sowie die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheiten in der gesellschaftlichen Chancenstruktur.
Im Zentrum dieses Sammelbandes stehen Aspekte sozialer Ungleich-heit im Hinblick auf die Zugangs- und Erfolgschancen höherer Bildung sowie auf die (damit zusammenhängende) Positionierung im gesamtgesell-schaftlichen Kontext und insbesondere auf den Zugang zu gesellschaftli-chen Spitzenpositionen. Der Begriff der sozialen Ungleichheit wird hierbei im weiteren Sinne gefasst. Es werden sowohl unterschiedliche soziale Merkmale, die zu einem ungleichen Zugang beziehungsweise zu einer un-gleichen Teilhabe an knappen, gesellschaftlich relevanten Ressourcen füh-ren, als auch unterschiedliche Ungleichheitsdimensionen, nämlich die Chancen- ebenso wie die Verteilungsstruktur in den Blick genommen. Im Zentrum der Betrachtungen steht dabei die Frage nach der Bedeutung und des Einflusses der sozialen Herkunft in diesem Zusammenhang.
Diese Schwerpunktsetzung gründet vornehmlich auf den Verdiensten Michael Hartmanns, dem dieser Sammelband gewidmet ist. Er gilt als der bedeutendste Vertreter der kritischen Elitesoziologie in Deutschland. Eine zentrale Fragestellung, der er sich in zahlreichen empirischen Unter-suchungen widmet(e), ist die Bedeutung der sozialen Herkunft für den Zugang zu gesellschaftlichen Spitzenpositionen und die Rolle des Bil-dungssystems in diesem (Re-)Produktionsprozess gesellschaftlicher Macht-verhältnisse (vgl. u. a. Hartmann 1996; 2002; 2007; 2013). Damit stellt er sich kritisch gegen den gesellschaftlichen Glauben an das meritokratische Prinzip, nach dem Leistung als ausschließliches Allokationskriterium für gesellschaftliche Positionen und damit auch für den Zugang zu Spitzenpo-sitionen fungiert. Dieses Leistungsparadigma ist in unserer heutigen Gesellschaft tief verankert und besitzt legitimatorische Funktion, wobei soziale Ungleichheiten, insbesondere die Bedeutung der sozialen Herkunft, ausgeblendet werden. Zur Verschleierung ungleicher Chancenstrukturen trägt auch das Bildungssystem in nicht unerheblichem Maße bei, so seine in Anlehnung an Pierre Bourdieu und andere kritische Elitesoziologen vertretene These.
Diese legitimatorische Funktion der meritokratischen Illusion wird unter anderem gestützt durch die Folgen der Bildungsexpansion. Die prinzipiellen Zugangsmöglichkeiten zu höheren Bildungsinstitutionen führten zweifellos zum partiellen Abbau sozialer Chancenungleichheiten. So konnten Frauen einen Gutteil ihrer strukturellen Benachteiligung im Bildungswesen wettmachen. Gleichzeitig weisen andere Momente sozialer Ungleichheit aber, und dies gilt insbesondere für den Aspekt der sozialen Herkunft, erhebliche Beharrungstendenzen auf - wie jüngst an den Ergebnissen von PISA, IGLU und anderer Studien sichtbar wurde. Die Selektionsmechanismen, die zu diesen ungleichen Verteilungsstrukturen führen, sind hochgradig subtil und tragen daher zum Mythos einer rein auf Leistung basierenden Auslese bei.
Während die Geschlechterkategorie insbesondere im Hinblick auf un-gleiche Teilhabechancen an beruflichen Spitzenpositionen zum Politikum avancierte, da Frauen in allen einflussreichen Positionen, vor allem aber in Elitepositionen, nach wie vor eklatant unterrepräsentiert sind, ist der Einfluss der sozialen Herkunft bislang vor allem Gegenstand des sozialwissenschaftlichen Diskurses. Dass in Deutschland starke herkunftsspezifische Bildungsungleichheiten existieren, ist kein neuer, sondern ein seit vielen Jahren immer wiederkehrender Befund der Bildungs- und Ungleichheitsforschung. Inwiefern diese Befunde jedoch bildungspolitisch und medial aufgegriffen werden und damit öffentlich thematisiert und problematisiert werden, hängt von konjunkturellen Schwankungen ab.
Michael Hartmann (2008) stellt hierzu fest, dass Chancenungleichheiten vor allem durch gesellschaftliche Schockerlebnisse (ebd.: 209) zum Thema bildungspolitischer Debatten werden und macht dies an den Beispielen des sogenannten Sputnik-Schocks in den 1950er-Jahren und des sogenannten PISA-Schocks Anfang der 2000er-Jahre fest. Der Sputnik-Schock offenbarte den westlichen Gesellschaften, dass sie dem technologischen Entwicklungsvermögen der damaligen Ostblock-Staaten unterlegen waren. Dieses Ereignis gilt als einer der Ursachen dafür, dass als langfristige Folge eine groß angelegte Bildungsexpansion initiiert wurde, die eine Höherqualifizierung vieler Berufssparten erzeugte. Vormals nur für die Oberklasse zugängliche Universitäten wurden sozial geöffnet und ließen deutlich größere Bevölkerungsgruppen an höherer Bildung teilhaben. Neben rein wirtschaftspolitischen Interessenlagen mischten sich auch bürgerrechtliche Postulate (Bildung als Bürgerrecht), die forderten, dass die Bildungschancen für alle Personen, unabhängig von den familiären Ressourcen, gewährleistet werden müssen (Dahrendorf 1965; Hamm-Brücher 1964; Picht 1964). Als Synonym für benachteiligte Gruppen galten insbesondere Arbeiterkinder, wobei sich der Blickwinkel auch auf Geschlechterdimensionen verstärkte. In der Bildungs- und Sozialstrukturforschung gilt es jedoch nach wie vor als umstritten, inwiefern die Bildungsexpansion tatsächlich zu einer Reduktion von sozialen Ungleichheiten bei der Bildungsteilhabe geführt hat, zumindest was die soziale Herkunft betrifft.
Spätestens im Laufe der 1990er-Jahre bis zur Veröffentlichung der in-ternationalen PISA-Ergebnisse verschwand das Thema der Bildungschan-cen weitgehend sowohl in den bildungspolitischen Debatten als auch in den sozialwissenschaftlichen Forschungsagenden (Löw/Geier 2014). Erst durch "die vor allem für das deutsche Bildungsbürgertum niederschmet-ternden Resultate der international vergleichenden Bildungsstudien wie PISA und das Fehlen deutscher Universitäten auf den vorderen Plätzen der internationalen Hochschulrankings" (Hartmann 2008: 209) brachen wieder verstärkt Debatten über die Problematiken des deutschen Bildungswesens aus. In wissenschaftlichen Zusammenhängen geriet insbesondere der im internationalen Vergleich hohe Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft von Schülerinnen und Schülern und ihrem Erfolg im deutschen Bildungssystem in den Fokus, da die in der Bildungsexpansion angestrebte Chancengleichheit sich weitgehend als Illusion entpuppte.
Während die sozialwissenschaftliche Forschung inzwischen zwar fun-dierte Befunde über herkunftsspezifische Bildungsungleichheiten liefert, liegen nur wenige Erkenntnisse über die Ursachen vor. Für den Zugang zu mit Macht und Einfluss ausgestatteten Positionen werden die Bedeutung und der Einfluss der sozialen Herkunft bislang seitens der Forschung nur sehr zögerlich beleuchtet. In der Öffentlichkeit ist das Thema bislang kaum ernsthaft angekommen. Michael Hartmann kann zweifelsohne als einer der bedeutsamsten Vorreiter auf diesem Themengebiet angesehen werden. Ihm gebührt nicht nur das Verdienst, die Frage des Einflusses der sozialen Herkunft auf den Zugang zu Spitzenpositionen und den Zusammenhang zwischen Bildung und Elite wissenschaftlich anhand umfangreichen empirischen Datenmaterials aufgearbeitet zu haben und damit die Grundlage für eine öffentliche Debatte geschaffen zu haben. Darüber hinaus hat er in vielfältiger Weise durch sein hohes Engagement im disziplinübergreifenden wissenschaftlichen Raum, genauso aber auch durch seine außerordentliche mediale Präsenz dazu beigetragen, die Erkenntnisse aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm hinauszutragen und soziale Un-gleichheiten als sozial nicht legitimierte Ungerechtigkeiten zum Politikum zu machen.
In diesem Ansinnen wird der Sammelband daher durch ein Grußwort von Günter Wallraff, einem geistigen Verwandten und Bekannten Michael Hartmanns, eröffnet. In seinem Beitrag beschreibt Wallraff das erste politische Zusammentreffen mit Hartmann in dessen Heimatstadt Paderborn im Jahr 1970 und würdigt das Wirken Hartmanns gegen die zunehmenden sozialen Ungleichheiten. Die Produktion von Armut auf der einen und extremen Reichtum auf der anderen Seite markiert Wallraff auf eindringliche Weise als Kern kapitalistischer Regime.
Eine gesellschaftskritische Haltung und Forschungsperspektive steht nicht nur im Mittelpunkt Hartmanns eigenen Wirkens, sondern er prägt und inspiriert auch die wissenschaftlichen Anstrengungen seiner Kolle-ginnen und Kollegen und in besonderer Weise die Forschungsperspektive der von ihm betreuten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissen-schaftler. Die Forschungen der Autorinnen und Autoren des vor-liegenden Sammelbandes entstanden häufig in engem Austausch mit Mi-chael Hartmann, in dem er entweder als Begleiter und/oder als Mentor und Gutachter der Forschungsarbeiten tätig war, in anderer Form zum Gelingen beigetragen oder diese Arbeiten durch seine Werke inspiriert und geprägt hat. Der Sammelband soll daher ein Ausdruck des Dankes der Herausgeberinnen, wie auch der Autorinnen und Autoren sein und eine besondere Würdigung sowohl seiner Person als auch seines wissenschaftlichen und politischen Schaffens darstellen. Gerade diejenigen, die Michael Hartmann bei ihren ersten Schritten auf dem wissenschaftlichen Parkett betreut und geleitet hat, schätzen ihn nicht nur als außergewöhnlichen wissenschaftlichen Mentor, sondern auch als großartigen Gesprächspartner in wissenschaftlichen, politischen aber auch persönlichen Belangen. Ihm gelang es, durch seine unbürokratische Art und seinen Enthusiasmus die wissenschaftliche Neugier zu wecken und zu befeuern, die Forschungsgegenstände jedoch auch immer im größeren gesellschaftlichen und politischen Kontext zu reflektieren. Er ließ einem immer die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen, seine eigenen wissenschaftlichen Interessen zu verfolgen, war und ist aber gleichzeitig stets mit Rat und Tat zur Stelle. An dieser Stelle sei ihm ganz herzlich für seine Mühen und seine Unterstützung in allen Belangen gedankt!

Der vorliegende Sammelband schließt an seine Forschungstradition an. Auf unterschiedlichen Ebenen wird die Verbindung von Bildung, Macht und Eliten nachgegangen und unterschiedliche Perspektiven auf gesell-schaftliche Ungleichheiten eingenommen. Ein besonderer Fokus liegt auf der Frage nach dem Einfluss der sozialen Herkunft. Es werden Fragen erörtert, wie: Welchen Einfluss hat die soziale Herkunft auf die Zugangs- und Erfolgschancen für höhere Bildung? Wie konstituieren sich gesell-schaftliche Elite und welche Bedeutung kommt der sozialen Herkunft für die Zugangschancen auf gesellschaftliche Spitzenpositionen zu? Darüber hinaus werden gesellschaftlichen Machtstellungen des Wirtschaftssektors untersucht sowie die damit verbundenen Auswirkungen auf soziale Un-gleichheitsstrukturen diskutiert.

Die Beiträge gruppieren sich um zwei Schwerpunktthemen:
Im ersten Teil des Bandes wird den Ursachen und Folgen sozialer Un-gleichheiten beim Zugang zu höherer Bildung unter besonderer Berück-sichtigung herkunftsspezifischer Ungleichheiten nachgegangen und Fragen der erfolgreichen Bewältigung von Bildungsaufstiegen erörtet. Darüber hinaus wird das Verhältnis von Macht und Bildung im Bereich der Berufsbildung genauer in den Blick genommen. Mirjam Christine Merkel beschäftigt sich unter Rückgriff auf die Erklärungsansätze Bourdieus und Boudons mit der Frage des Einflusses der sozialen Herkunft auf Bildungsentscheidungen am Übergang zur Hochschule. Sie stellt in ihrer empirischen Forschungsarbeit fest, dass die Verwendung beider Konzepte, die häufig als gegensätzlich beziehungsweise konkurrierend konstruiert werden, sich hinsichtlich der Erkenntnisproduktion fruchtbar ergänzen lassen. Klarissa Lueg befasst sich in ihrem Beitrag mit der Internationalisierung im Bereich der höheren Bildung, konkret mit Englisch als Unterrichtssprache. Sie diskutiert dieses Phänomen vor dem Hintergrund der damit einhergehenden Vor- und Nachteile und eines national geprägten Verständnisses von Internationalität. Dabei analysiert sie insbesondere die Relevanz der sozialen Herkunft für die Entschei-dung, Englisch als Unterrichtssprache im Studium zu wählen. Aladin El-Mafaalani beschäftigt sich mit der Frage nach den Bedingungen, unter denen die Restriktionen der sozialen Herkunft in individuellen Bil-dungskarrieren erfolgreich überwunden werden können. Hierbei werden umfassende Habitustransformationsprozesse dargestellt, die von vielfälti-gen psychosozialen Herausforderungen begleitet werden. Andrea Lange-Vester beleuchtet in ihrem Beitrag den herkunftsspezifischen Umgang mit Studienanforderungen und fokussiert dabei Bildungsaufsteigerinnen und -aufsteiger. Unter Zuhilfenahme des sozialen Milieu-Konzeptes zeigt sie differenzierte Bildungshaltungen und Strategien auf, die die Heterogenität auch innerhalb dieser Gruppe deutlich machen. Jutta und Arne Zastrow werfen in ihrem Beitrag die Frage auf, welchen Einfluss unterschiedliche Berufsgruppen auf die Institutionalisierung und Legitimierung einer Quer-schnittsdisziplin ausüben und beleuchten am Beispiel des Biofeedback Interessenverflechtungen und Teilhaberegularien auch in Abhängigkeit von formalen Bildungsabschlüssen sowie medizinischen Zu-satzqualifikationen.
Im zweiten Teil des Bandes steht der Zusammenhang zwischen Macht und Eliten im Fokus. Dabei wird zum einen der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Zugangschancen zu gesellschaftlichen Spitzenpositionen genauer beleuchtet. Hierbei kommt insbesondere das Feld der Wissen-schaft in den Blick, da dort - noch stärker als in anderen gesellschaftlichen Bereichen - von einer rein auf Leistung fußenden Selektion und Rekrutierung ausgegangen wird. Christina Möller zeigt die soziale Zusammensetzung der Professorenschaft nach sozialer Herkunft, Geschlecht und Migrationshintergrund und die Zusammenhänge zwischen diesen Ungleichheitsmerkmalen auf. Die spezifischen Charakteristiken dieser Merkmale diskutiert sie in Anlehnung an die Theorie der "sozialen Ungleichheitsregime" nach Joan Acker. Angela Graf richtet den Blick auf die Spitze der Wissenschaft und zeichnet das Sozialprofil der deutschen Wissenschaftselite sowohl im Vergleich zu den anderen gesellschaftlichen Teileliten als auch im Zeitverlauf nach. Die Befunde werden anschließend vor dem Hintergrund der aktuellen hochschul- und wissenschaftspoliti-schen Debatten um Elitebildung und -förderung diskutiert.
Zum anderen wird der Fokus auf internationale wirtschaftliche und politische Eliten sowie aktuelle Entwicklungen in der Ökonomie gerichtet: Im Zentrum des Beitrags von Christian Schneickert stehen Eliten im Kontext von Globalisierungsprozessen. Anhand von empirischen Daten aus vier Ländern des globalen Nordens und Südens zeigt er, dass die Globalisierung von politischen und wirtschaftlichen Eliten stets eng mit lokalen Macht- und Ungleichheitsstrukturen verbunden ist. Michael Vester untersucht in seinem Beitrag die Verzerrung der Klassen- und Machtstruktur durch die extreme und noch wachsende Dominanz des industriellen Exportmodells. Die Bedeutung dieser Entwicklung zeigt sich sowohl an den vielen Dienstleistungsstreiks und Konflikten im Bildungssystem als auch im Scheitern der Austeritätspolitik in Südeuropa. Konstanze Senge reflektiert in ihrem Beitrag, dass Corporate Social Re-sponsibility (CSR) von Unternehmen durch zunehmende Institutio-nalisierung innerhalb der Wirtschaft zum Governance-Prinzip in der World Policy geworden ist, Unternehmen also dadurch vermehrt politische Aufgaben übernehmen. Vor diesem Hintergrund diskutiert sie die Implikationen für ein demokratisches Politikverständnis.
Abgerundet wird der Sammelband durch ein Interview der Herausge-berinnen mit Michael Hartmann, in dem er seine Forschungsperspektive darlegt und die Konsequenzen und Implikationen seiner Forschungser-gebnisse reflektiert. Dabei werden persönliche Motivationen für die Aus-richtung seiner Forschungsagenden sowie Stationen und (Um-)Wege in seiner wissenschaftlichen Karriere transparent, die ihn schließlich bis zu seiner Position als bekanntester Eliteforscher Deutschlands geführt haben. Weitere Thematiken sind das Verhältnis zwischen Klassenstrukturen und anderen sozialen Ungleichheiten, die gesellschaftliche Bedeutung der Soziologie und inspirierende Wissenschaftler, die historische und derzeitige Entwicklung des Bildungs-, Hochschul- und Wissenschaftssystems sowie die Rekrutierungsweisen von Eliten und der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft der Eliten und ihren politischen Haltungen gegenüber sozial- und bildungspolitischen Fragen. Diskutiert wird ebenfalls, inwiefern man von einer europäischen oder gar globalen Elite sprechen kann, wie Hartmann die aktuelle Krise in Griechenland einschätzt und welche Visionen er von einer gerechteren Welt hat. Das Interview beinhaltet daher nicht nur wissenschaftliche, sondern auch politische und persönliche Fragen, die einen umfassenderen Einblick in das Denken und Wirken Michael Hartmanns gewähren.
Angela Graf und Christina Möller, August 2015
Literatur
Dahrendorf, Rolf (1965), Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik, Hamburg.
Dickson, Paul (2001), Sputnik - The Shock of the Century, New York.
Hamm-Brücher, Hildegard (1964), Auf Kosten unserer Kinder? Wer tut was für unsere Schulen - Reise durch die pädagogischen Provinzen der Bundesrepublik und Berlin, Osnabrück.
Hartmann, Michael (1996), Topmanager. Die Rekrutierung einer Elite, Frankfurt am Main.
- (2002), Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt am Main.
- (2007), Eliten und Macht in Europa. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt am Main.
- (2008), "Gesellschaftliche Ungleichheit und Bildung: die Debatte in den 1960er Jahren und heute", in: Armin Bernhard (Hg.), 1968 und die neue Restauration. Jahrbuch für Pädagogik 2008, Frankfurt am Main, S. 209-220.
- (2013), Soziale Ungleichheit - (K)ein Thema für Eliten, Frankfurt am Main.
Löw, Martina/Geier, Thomas (2014), Einführung in die Soziologie der Bildung und Erziehung, Opladen/Toronto.
Picht, Georg (1964), Die deutsche Bildungskatastrophe. Olten/Freiburg.

Grußwort für Michael Hartmann
Günter Wallraff
Dass wir uns schon 1970 ein erstes Mal getroffen hatten, habe ich, ehrlich gesagt, aus den Augen verloren. Michael Hartmann und seine damaligen Mitstreiter hatten mich zu einer Veranstaltung eingeladen. Es ging um die in jenen Zeiten endlich öffentlich geführte Auseinandersetzung um die nationalsozialistische Vergangenheit vieler Mitglieder der deutschen Elite in Stadt und Land, in Parteien, Wirtschaft, Militär und Justiz, in Behörden und im Kunstbetrieb.
In Paderborn war das, der schwarzen Stadt im Osten des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslandes. Schwarz, weil katholisch bis in die Knochen und den CDU-dominierten Stadtrat hinein. Schwarz färbt braun, das konnte man dort in jenen Jahren an einem Musterbeispiel politischer Überpinselei gut studieren. Paderborn wollte sich anlässlich seiner jährlichen Kulturtage als Pflichtübung in einer Festschrift auch der jüdischen Mitbürger erinnern und beauftragte den städtischen Archivar Ferdinand Molinski mit der Recherche.
Dieser studierte das noch vorhandene Aktenmaterial und fand einiges Unrühmliche über Paderborner Judenhasser heraus: stadtbekannte Mas-senmörder im Nationalsozialismus, städtische Ordnungshüter, die Pogro-me duldeten, glühenden Antisemitismus der lokalen Meinungsmacher. Das Übliche halt. Als der Archivar seine Erkenntnisse vortrug, wollten die Auftraggeber, namentlich der damalige erste Stadtdirektor Wilhelm Sasse, nichts hören und nichts sehen, sondern den Nestbeschmutzer schleunigst stoppen und zur Aufgabe seiner Recherchen zwingen. Man warf den Archivar aus seinem Amt, weil "sein Verbleiben im Dienst für die Stadt untragbar" geworden sei. Der Archivar kündigte an, er werde den Vorgang an die Öffentlichkeit bringen.
Da griffen die Paderborner Altvorderen trotz oder auch wegen des 1.000-jährigen Reiches zu einem auch bei ihnen nicht in Vergessenheit geratenen besonders rabiaten Mittel: Sie versuchten den Aufmüpfigen in die Psychiatrie zu stecken. Die Polizei klingelte am 12. Januar 1968 mor-gens in aller Früh an seiner Tür, und nur weil der Archivar vorgewarnt war und darum bat, im Nebenraum noch seine Schuhe anziehen zu dürfen, konnte er durch die Hintertür entkommen. Er flüchtete ins benachbarte Ausland und konnte von dort mit unabhängigen Gutachten die versuchte Zwangseinweisung in die Psychiatrie rückgängig machen. Was er nicht verhindern konnte war eine Lobhudelschrift über die angeblich kaum ins Gewicht fallenden antisemitischen Ausfälle in Paderborn zur Zeit der Nazi-Herrschaft. Über all das hatte ich in meinem Buch 13 unerwünschte Reportagen berichtet und Michael Hartmann und seine Mitstreiter luden mich als Referent zu einer Veranstaltung ein.
Der erste Stadtdirektor von Paderborn, der den Archivar fast in der Psychiatrie hätte verschwinden lassen, bekam übrigens nicht deshalb, son-dern aus einem anderen Grund ein richtiges Problem. Dieser Grund war mit der versuchten Entsorgungsaktion des Archivars allerdings aufs Engste verbunden: 1993 wurde nämlich die Mittäterschaft des späteren Stadtdirektors und ehemaligen SA-Mannes für die Judendeportationen aus der Stadt dann doch bekannt und öffentlich gemacht. Und das, obwohl er selber dafür gesorgt hatte, dass die offizielle Stadtbroschüre zur Geschichte von Paderborns Juden unter dem gruseligen und unfreiwillig doppeldeutigen Titel Bauen wir doch aufs Neue das alte Haus! seine blutigen Spuren zu verwischen versucht hatte. Aber es half nichts. Heraus kam, dass Sasse aus eigenen Stücken und mit seiner Unterschrift versehen 1941 die Abtransportliste Paderborner Juden noch um 16 Namen erweitert hatte, also noch einige jüdische Frauen und Kinder denunziert hatte, um die "Reste von Juden" (Sasse) nach Auschwitz deportieren zu lassen und deren Vermögenswerte zu "arisieren".

Als die Mittäterschaft von Sasse 1993 bekannt wurde, war der in Pa-derborn geborene Michael Hartmann schon seit zehn Jahren habilitierter Soziologe und immer noch hartnäckiger Kapitalismuskritiker.
Kapitalismus ist die stetige, manchmal still fortschreitende, manchmal rasend beschleunigte Produktion sozialer Ungleichheiten. Es sind diese sozialen Ungleichheiten, die eine Gesellschaft anfällig für undemokratische und gewalttätige Mutationen macht. Am einen Ende der Ungleichheits-Skala findet sich eine sich immer mehr abschottende Elite, die Führungspositionen in Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft usurpiert hält; am anderen Ende der Skala darben die Outcasts, die Armen und Ohnmächtigen, deren Energie keine Betätigungsmöglichkeit findet und deren Wut zunimmt. Dazwischen die mehr oder weniger große Mehrheit der Hoffenden, Bangenden, Angstvollen, die den Absturz nach unten fürchten und den Aufstieg nach oben nicht schaffen können.
Michael Hartmann ist Eliteforscher. Aber keiner der Erbsenzähler, die wir kennen. Noch weniger ist Michael Hartmann ein Claquer der Mächti-gen, ähnlich denen, die eine jeweilige Elite zur naturgegebenen Führungs-gruppe einer Gesellschaft erklären und ihr mit Eliteuniversitäten und -schulen und ähnlichen selbstreferentiellen Projekten Stetigkeit sichern und offizielle Legitimation verschaffen wollen.
Hartmann macht uns vielmehr klar, dass gesellschaftliche Ungleichhei-ten und die Bildung abgeschotteter Eliten letzten Endes politisch und exekutiv nicht zu beherrschen sind, sondern abkippen in undemokratische und gewalttätige Verhältnisse. Ja, die den Kern undemokratischer und gewalttätiger Verhältnisse ausmachen - mit immer wieder dramatischen Folgen. In diesem Sinne ist eine im Kern ungleiche Gesellschaft nie frei von der Gefahr, in neue Formen brutalster Herrschaft abzugleiten, die soziale Konflikte "ethnisiert" oder religiös aufheizt.
Hartmann lässt uns an seinen Erkenntnissen in einer Sprache teilhaben, die sich nicht von der Mehrheit der Menschen entfernt, die sich genau dieses Wissen um die Ungerechtigkeiten einer Gesellschaft und ihre Ursache aneignen müsste, um Änderungen herbei führen zu können. Hartmann spricht und schreibt verständlich.
Es gehört zu seinen Verdiensten, dass er seine Erkenntnisse und For-schungen über soziale Ungleichheiten und Elitebildung nicht nur im Kreise der Wissenschaft verbreitet. Sein Vortrag für den SWR 2012 im Gymnasium Achern, dankenswerter Weise nachzuhören und zu -sehen bei youtube, zeigt dies beispielhaft. Hartmann spricht seine Zuhörerinnen und Zuhörer direkt an, wird konkret, versteckt sich nicht hinter der Person des neutralen Experten, sondern bringt sich und seine persönliche Situation mit ein, muss deshalb nichts verbergen, nichts verklausulieren und vernebeln und entschwindet nicht in Abstraktionshöhen, in die ihm kein normal Sterblicher mehr folgen kann oder will. Hartmann verhält sich eindeutig, nachprüfbar und bleibt bei all den empörenden Wahrheiten über das Unrecht hier und heute gelassen, sich und seiner Forschung sicher und kann auch deshalb so überzeugend sein.
Vom Kapitalismus und seinen Zumutungen nicht schweigen, auch wenn die Sprache, zumal die der Wissenschaft, sich ziert, das böse Wort überhaupt noch in den Mund zu nehmen - darum geht es in der Arbeit von Michael Hartmann. Kapitalismus ist Ungleichheit, er mehrt Ungleich-heit, besonders im Weltmaßstab, und seit über zwanzig Jahren vermehrt er Ungleichheit auch massiv in seinen Kerngebieten. Wo für die Menschen spürbar und greifbar wird, wo zu schmecken und zu riechen ist, dass die Armut der einen zunimmt, obwohl der Reichtum der anderen täglich wächst, da braucht es eine Wissenschaft, die diese Entwicklungen mit dem Skalpell schonungsloser Analyse offenlegt und ihre elitären Nutznießer, Verteidiger und Propagandisten auch benennt.
Genau das hat Michael Hartmann schon lange vor denjenigen getan, die heute immerhin bereit sind, das Wort soziale Ungleichheit in den Mund zu nehmen, auch wenn sie nicht bereit sind, daraus politische Schlüsse für die Minderung dieser Ungleichheit zu ziehen. Zum Beispiel, weil sie selbst diese Erkenntnis mit dem Hinweis relativieren und eigentlich zunichtemachen, Deutschland sei "so reich wie nie" - was ja jedes Jahr aufs Neue richtig ist, aber als Beschwichtigung gemeint, dann eben auch eine Lüge ist. Oder darf man den bewussten Verzicht auf die nötige Differenzierung nicht so nennen? Ich habe jedenfalls von Hartmanns Analysen und Sachstandsberichten profitiert, ich stütze mich auf sie, wenn ich von der Armutsproduktion in Deutschland berichte und ihre Systematik aufzeige. Und freue mich im Übrigen, dass sich diese Erkenntnisse bei einer wachsenden Zahl ernstzunehmender Wissenschaftler durchsetzt. Ich nenne nur mal eine der allmählich zunehmenden Zahl der Websites: http://verteilungsfrage.org/about/. Das so etwas nicht harmonisch verläuft sondern strittig, und die Wissenschaft in Lager spaltet und weiterspalten wird, sollte spätestens nach den Auseinandersetzungen über Thomas Pikettys Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert klar sein: Auch Wissenschaft ist eine von Interessen geleitete Angelegenheit. Und wer als Wissenschaftler das herrschende kapitalistische System für sakrosankt hält, wird seine Kapazitäten in Stellung bringen, damit es nicht erfolgreich angegriffen werden kann.
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  • Editie:PDF met Watermerk  Meer informatie
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  • ISBN: 9783593432595
  • Uitgave: Campus Verlag
  • Jaar van uitgave: 2015
  • Taal: Duits
  • Bladzijden: 326
  • Artikelnummer: 58285959
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