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COOL - Ein ganz normaler Arbeitstag

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COOL - Ein ganz normaler Arbeitstag
Lothar Berg

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Franz Sachtleb, auch „Scholle“ gerufen, sitzt in Unterhose und Unterhemd auf seiner Schlafcouch, streckt sich und gähnt ausgiebig mit weit geöffnetem Mund. Scholle blinzelt wie ein Maulwurf in das Tageslicht, das sich in breiten Streifen durch die verstaubten Gardinen drängt. Seine große knochige Hand tastet nach der dicken, schwarzen Hornbrille, findet sie auf der alten Musikkommode zwischen Wecker und Aschenbecher. Er setzt sie auf, erhebt sich, gähnt noch einmal, streckt die Gliedmaße und geht ins Bad. Seine Muskelstränge rufen bei jeder Bewegung ein Spiel von Reflexen auf der blassen Haut hervor. Sein Blick verfängt sich im Spiegel über dem Waschbecken. Ei-nen Augenblick betrachtet er die harten, kantigen Züge, den vollen, weichen Mund. Mit einer Hand versucht er seine struppigen, halblangen brau-nen Haare in eine Richtung zu streichen, ihnen eine Ordnung zu geben, dann klappt er die Toilettenbrille hoch, gähnt herzhaft, während er sich mit einem Unterarm gegen die Wand stützt und die Stirn dagegen lehnt. Verschlafen dirigiert er mit der noch freien Hand seinen Schwanz in die richtige Stellung zur Kloschüssel. Scholle schließt die Augen, aus Müdigkeit und um das Wohlgefühl zu genießen, das ihn durchströmt, als sich der Druck in der Blase löst. Die Geräusche des Urinierens und Scholles zufriedenes Stöhnen werden von denen des Zähneputzens abgelöst. Er schlurft zurück ins Zimmer und blickt sich um, kratzt sich unter der Achsel, zieht die dunkelgrüne Cordhose an, dazu Turnschuhe. Ein kariertes Hemd vervollständigt das Outfit des Zweimetermannes. In der winzigen Kochnische der Einzimmerwohnung, bereitet er seinen Proviant vor. Sechs Scheiben Vollkornbrot, mit Wurst und Käse. Einen Augenblick beschäftigt ihn der Gedanke, noch ein paar Brote zusätzlich zu schmieren. Er packt einen Apfel dazu und legt alles zum Mitnehmen bereit. Zwischendurch nimmt Scholle das Tuch vom Käfig mit dem Wellensittich und versucht mit Kussgeräuschen den Vogel darin auf sich aufmerksam zu machen. Aber „Pieper“ ruckt nur verständnislos mit dem Kopf hin und her. Scholle füllt die Kaffeemaschine und schaltet sie ein, dreht sich zu seinem anderen Mitbewohner um. Der Hüne fährt mit den Fingernägeln zärtlich über die Drahtstä-be des Goldhamsterkäfigs und lauscht dem vertrauten Geräusch der nachklingenden Metallfasern, wie einem Morgenständchen. Wie jeden Morgen, zeigt sich Alf der Hamster kurz, um wieder müde in der Holzwolle zu verschwinden. In Gedanken versunken spielt Scholle mit der Thermoskanne, wartet, dass der Kaffee durchgelaufen ist. Er hat einen schweren Tag vor sich. * Das Szenelokal „Café Breslau Fuego“ liegt in der Hauptstraße, die Friedenau auf der einen Seite mit dem Bezirk Schöneberg und mit Steglitz auf der anderen Seite verbindet, direkt am Breslauer Platz. Lang streckt sich die verglaste Front zwischen dem Weinla-den und dem Frisörgeschäft hin. Tagsüber beherbergt das Lokal die Hausfrauen, Rentner und Arbeiter, gibt ihnen einen Augenblick der Ruhe. Wer will, stärkt sich am preiswerten Frühstücksbüfett. Abends, wenn die Außenbeleuchtung angeht und aus dem Inne-ren Kerzenschein leuchtet, wandelt sich das Café zu einem Treff-punkt derjenigen, die Zerstreuung, Anschluss und Kontakt su-chen. In einer Ecke Backgammonspieler, am Stehtisch die Freizeitpolitiker und am Tresen die Gruppe der Jungs mit dem Würfelspiel. Gläserklirren, Lachen und die Musik aus den Boxen können das Liebespaar in der Nische, neidisch von den Einsamen beobachtet, bei ihrem Geflüster nicht stören. Aber jetzt, am frühen Morgen, ist das laute Treiben der Nacht dem Moment der Ruhe gewichen - der Leichenstarre - bevor es sich erneut zum Leben erhebt, im ständigen Kreislauf von Beginn und Ende. Die Aschenbecher auf den Tischen quellen über. Wer genau hin-sieht, erkennt auf manchen der herumliegenden Papierfetzen Tele-fonnummern. Geschrieben, voller Hoffnung auf ein Wiedersehen. Achtlos fortgeworfen. In der Nacht ist nichts von Bestand, es sei denn, man nimmt es sich sofort, sonst bleibt nichts davon übrig als herumliegendes Papier – Zeichen von Episoden und Wünschen in der soeben vergangenen Dunkelheit. Ein müder, etwas mürrischer, ungefähr vierzigjähriger Mann schließt heute früh die Eingangstür des "Café Breslau Fuego" auf. Werner ist im Milieu der Gastronomie ein Helferprofi. Er selbst bezeichnet sich als Hiwi de Luxe für die Bereiche Putzen und Einkaufen. Sein Gesicht hat dieselbe kalte Farbe des Grau, wie es in den Kneipen vorhanden ist, wenn das künstliche Licht erlischt, der Tag einkehrt ist und schonungslos offenbart, was von dem Glamour und dem Glitzer in der Nacht übrig bleibt. Mit dem geübten Blick des Profis erkennt Werner, dass es im La-den bis in die frühen Morgenstunden rund gegangen sein muss. Wie immer sieht er über das dunkle Regal aus der Jahrhundertwende hinter dem Tresen, in dem die Spiegel wieder einmal geputzt werden müssten. Mit schlurfenden Schritten durchquert er das Café, sieht über die Tische mit den Gläsern, an denen sich im fahlen Licht der Morgensonne klebrige Fingerabdrücke abzeichnen oder schmieriger Lippenstift klebt, der noch vor Stunden einen Mund verlockend geschmückt hat. Auf der Treppe zum ersten Stock, liegt ein Schal. Neben dem Tresen die kleine Küche und drüben am anderen En-de, die Raucherlounge, mit den Spielautomaten, dem Flipperauto-mat und dem Billardtisch. Werner nickt, alles in Ordnung, kein Automat ist beschädigt und die beiden Kassen stehen wie immer offen. Seufzend schaut er noch einmal über die Unordnung auf den Tischen. Scheiße, hat die Nachtschicht mal wieder nicht abgeräumt. Na ja, der Dödel Werner kann das ja machen. Aus einem der Aschenbecher nimmt Werner eine kaum abge-brannte Zigarette, zündet sie an, schaltet das Radio ein und lauscht für einen Augenblick der Zeitansage. Ohne die Kippe aus dem Mund zu nehmen, bohrt er sich in der Nase, besichtigt inte-ressiert das Ergebnis und schnippt es in den Raum, öffnet eine Tür und entnimmt der Kammer Eimer, Besen und Wischlappen. * Benno Sohl, alias „Zaster“, sitzt mit seiner Frau und ihrer beider Töchter beim Frühstück. Die Essecke steht am Fenster zum Gar-ten, durch das die Morgensonne hereinscheint. Benno trägt die Kombination aus grauer Hose, einem hellblauen Hemd und einem farblich darauf abgestimmten Jackett in taubenblau, die ihn so jugendlich wirken lässt. Er hat sich frisch rasiert, die dunkelblonden Haare sind or-dentlich gekämmt. Seine kräftigen Hände streichen über das Jackett und öffnen es an dem Knopf in der Mitte. Der breitschultrige Mann beobachtet aus seinen hellen Augen die Szenerie und registriert jedes Detail, nickt zufrieden. Jetzt kommt Leben in die Gruppe. Die Schwestern beginnen ihre Unterhaltung über die Schule und bedienen sich am Brotkorb. Benno führt seine Tasse an den Mund. Der Duft seines Rasierwassers vermischt sich mit dem des frisch gebrühten Kaffees. Frau Sohl liebt diese Mischung am frühen Morgen. Sie bedient Benno aufmerksam und schmiert ihm Brötchen, während sie ihn anlächelt. Das geblümte Kleid kaschiert ihre rundliche Hüfte ausgezeichnet, zugleich betont es ihr Dekolleté. Liebevoll berührt sie die Hand Bennos. Sein Blick liegt für Sekunden forschend auf ihrem Gesicht, dann nickt er ihr zärtlich zu. Zaster räuspert sich und erhält die Aufmerksamkeit seiner Töchter. Die beiden sitzen aufrecht am Tisch, nur ihre Handgelenke berühren die Tischkante. Sie lauschen den Ausführungen ihres Vaters, der ihnen, wie schon so oft, wieder einmal Lebensweisheiten und gutgemeinte Ratschläge mit in den Tag gibt. Die Frau lächelt, sieht stolz zu ihrem Mann. Ihr Benno hat es zu zwei Zeitungsläden, einer Videothek und diesem kleinen Einfamilienhaus in Frohnau gebracht. Eigentlich könnte er sich zur Ruhe setzen. Aber "Zaster", wie man Benno auch, wegen seiner geschäftstüchtigen Art, nennt, ist immer auf der Suche nach neuen Deals. Sobald er von einer profitablen Gelegenheit erfährt, wägt er Risiko, Aufwand und Ertrag ab. Er kann nicht stillstehen. So ist er auch heute Morgen wieder auf dem Sprung, um ein weiteres Geschäft zum Abschluss zu bringen. Hilde schenkt Kaffee nach. * Jeden Morgen sehen die Sonnenstrahlen denselben alten Kerl, wenn sie sich den Weg in die Gewerbehöfe an der Gerichtstraße im Wedding gebahnt haben und den Müllplatz erhellen. Der Mann um die 60 fegt dort Müllreste zusammen, zwischen den Lippen eine kalte Zigarre. Sein Basecap, unter dem sich die struppigen grauen Haare hervordrängen, ist fleckig und passt zu dem dunklen, schmutzigen Kittel. Die dicht gewachsenen Augenbrauen schieben sich eng zusammen, als er nach oben schaut und die ersten Strahlen der Sonne begrüßt. Die Hände mit dreckigen Fingernägeln umfassen Besen und Schippe und kehren den Dreck auf dem Boden zusammen. Er klappt eine der Mülltonnen auf und nimmt den Abfall auf die Schippe. Gerade, als er den Dreck in die Tonne leert, kommt eine Frau mit Hund vorbei. Der Mann grüßt, ohne die Zigarre aus dem Mund zu nehmen. Ein Junge radelt heran, gibt ihm eine Zeitung, der Mann tippt an den Mützenrand. Während der Junge seinen Weg fortsetzt, schlägt der Alte die Zeitung auf und breitet sie auf den Mülltonnen aus. Er setzt die Zigarre in Brand, stützt sich mit den Ellenbogen auf und studiert die Schlagzeilen der Ta-gespresse. * Der kleine dünne Mann am Küchentisch sieht mit den dunklen Rändern unter seinen Augen übernächtigt und krank aus, er rührt abwesend mit dem Löffel in der Tasse vor ihm. Die Brötchen auf dem Teller sind unberührt. Die Frau an der Arbeitsplatte sieht verstohlen zu ihm herüber. Ihr Blick ist besorgt. „War es wieder so schlimm? Dein Kissen ist vollkommen nassge-schwitzt. Hast Du Deine Tabletten genommen?“ Der Mann sieht nicht hoch, sein Blick bleibt leer, winkt mit einer Hand nebensächlich ab, rührt weiterhin gedankenverloren im Kaffee. * „Bomber“, bürgerlich Klaus Eigenstedt, schlurft ins Wohnzim-mer und zieht die Jalousien hoch. Aus dem Kinderzimmer schallt der Lärm der drei Kinder, die sich mal wieder über irgendeine Nichtigkeit uneinig sind, zu ihm herüber. Bomber lässt sich auf die Couch fallen. Sein Blick schweift über die alten Zeitungsaus-schnitte an der Wand und die Pokale in der verstaubten Vitrine. Schon lange ist seine Zeit als Boxer vorbei. Für einen Augenblick verlieren sich seine Gedanken in die Vergangenheit. Er sieht sich mit hochgereckten Fäusten, während die Menschen ihm begeistert zujubeln. Dann schüttelt er kurz den Kopf, wie um einen Treffer zu verdauen und kramt eine Zigarette aus der Schachtel auf dem Tisch. Sein rotblondes Haar hängt wirr im Gesicht, bevor er den Glimmstängel anzündet, streicht er die Haare zurück. Ute kommt herein. Hochgewachsen, mit einer schlanken Figur, bei der man nicht drei Kinder vermuten würde. Sie hat ihr blondes Haar nach hinten gebunden, wo es mit einem Gummiband zusammengehalten wird, und sieht Bomber an. Sie kennt ihn gut genug um zu ahnen, dass er gerade geträumt hat und nicht wirklich hier im Märkischen Viertel ist. Er ist wieder da draußen, wo alles leicht ist, wo alles einfach ist. Wo er die Dinge versteht und sie erledigen kann. Er ist nicht hier, wo ihn die Atmosphäre bedrückt, nicht in diesem riesigen Hochhausviertel im Norden der Hauptstadt. Wo ein Wohnsilo neben dem anderen, anonyme Lebensräume schafft. Ute setzt sich neben ihren Klaus und lehnt sich an ihn. Er legt den Arm um sie. Es tut ihr gut, den starken Arm und den Druck seiner Finger zu spüren. In solchen Sekunden fühlt sie sich gebor-gen und beschützt. Sie haben nur einen kurzen Augenblick umso dazusitzen, zu schweigen, bis die Tür auffliegt und die Kinder hereinstürmen. Mit einem Schlag ist der Moment der Idylle zerstört. Ute steht seufzend auf, geht an den Kühlschrank. Klaus weist die drei Kin-der an, für Ordnung auf dem Tisch zu sorgen, als die das ignorieren wird sein Ton schärfer. Zwei der Kleinen reagieren und räumen den Tisch ab, während sich das Dritte zu Ute geflüchtet hat und sich ängstlich an sie klammert. Wie immer. * In der ersten Etage des Eckhauses Mehringdamm / Kreuzbergstraße sitzt der weißhaarige Greis korrekt gekleidet an einem Tisch und liest in der Bibel. Die dünnen Beine stecken in der gestreiften Anzughose, welche von Hosenträgern gehalten wird, die sich auf das alte Leinenhemd pressen. Aus der grauen Weste strecken sich die knochigen Arme des Mannes wie Tentakel hervor. Das verbrauchte, hagere Gesicht wird so sehr von Tränensäcken dominiert, so dass die große fleischige Nase nicht mehr besonders ins Gewicht fällt. Die Bewegungen des Alten sind ruckartig und manchmal verzieht er schmerzvoll das Gesicht, wenn er eine Seite in dem Buch umblättert oder seine Beine in eine andere Stellung bringt. Der Verkehrslärm vom Mehringdamm dringt in regelmäßigen Wellen der Ampelphasen durch das offenstehende Fenster herein. Liebevoll betrachtet der Mann die zweifelsohne kostbaren Antiquitäten um sich herum, ebenso wie die geputzten und polierten Kleinode. Sie sind sein ganzes Leben, er kann sich daran nicht satt sehen. Dort eine Standuhr mit vier Zuggewichten und neben dem Fenster ein Schrank aus dem 18. Jahrhundert. Das Glasteil der Vitrine, neben der Tür zum nächsten Zimmer, mit dem kostbaren Geschirr, ist streifenfrei geputzt. Von den schweren Vorhängen, die über vier Meter lang von der Schiene an der Decke herabhängen, dem Kronleuchter bis zu Teppichen, gibt alles die Freude des Sammlers wieder. Das morgendliche Ritual begeht er seit nun schon über fünfzig Jahren, genaugenommen seit er damals mit 23 Jahren diese Wohnung bezogen hat. Er muss los, quält sich mühsam hoch, sieht auf seine Taschenuhr und legt die Bibel auf den polierten Sekretär neben der Treppe, die nach oben in seine Geschäftsräume in die zweite Etage führt. Vom Kleiderständer am Treppenfuß nimmt er das Anzugjackett, während er es anzieht, geht sein Blick die Treppe hoch. Jetzt beginnt wieder die Quälerei. Die Gelenke machen die Tortur, die Treppe hoch zu steigen, nur noch unter größten Protesten mit. Einen Augenblick verweilt er, stützt sich auf den Handlauf, sieht noch einmal nach oben, seufzt und setzt den Fuß auf die erste Stufe. * Rüdiger Schmidtke, oder auch „Smile“, dreht sich in dem riesi-gen Doppelbett noch einmal um, zieht dabei versehentlich der nackten jungen Frau neben sich die Bettdecke weg. Smile sieht auf den runden Arsch der Kleinen und streichelt darüber. Er leckt sich über die Lippen, als das Fleisch leicht zittert. Langsam wird das Mädchen wach, dreht sich zu ihm und versucht die dünne Decke wiederzugewinnen, wobei sich ihm ihre jungen, spitzen Brüste entgegenstrecken. Noch im Halbschlaf schiebt sie seine Hand, die sie betastet, weg. Smile blickt sie verärgert an. Seine blonden, fast weiß gefärbten Haare stehen in alle Richtungen vom Kopf ab. Der Mund in sei-nem hageren Gesicht wird schmal und die linke Augenbraue zuckt nervös. Seine Hand versucht hastig das Haar glattzustreichen. Die Blonde öffnet die Augen und rückt ein Stück von ihm weg. Smiles Miene verfinstert sich noch mehr. Sein Kopf reckt sich ein wenig nach vorne, wie bei einer Schlange kurz vor dem Angriff. Blondie betrachtet ihn für einen Moment zwischen ihren verkleb-ten Augenlidern hervor, scheint die miese Stimmung zu spüren, zuckt mit den Achseln, steht auf und geht ins Bad. Rüdiger setzt sich aufrecht hin, sein Blick geht durch die riesige Scheibe über die Terrasse hinaus auf den Halensee. Die Küchentür öffnet sich und eine Asiatin, nur mit einem String bekleidet, bringt das Frühstück herein, deckt den Tisch am Fenster für drei Personen. Smile, nackt, steht auf. Für einen Augenblick betrachtet er den honigfarbenen Körper, auf dem die schwarzen, wie lackiert glänzenden Haaren über den Rücken bis zu den Grübchen über ihrem kleinen Arsch hängen. Ihre zierlichen Füße stecken in Sandaletten mit hohen Absätzen, die beim Laufen auf den Fliesen erotisch verlockend klicken. Smile kratzt sich am Sack, gähnt ausgiebig und zieht den goldfarbenen Morgenmantel über. Er liebt dieses luxuriöse Penthaus mit den 145 Quadratmetern, den beiden aufwendig gestalteten Bädern, der großzügigen Terrasse und der Panoramaverglasung. Auf dem Weg zur Essecke kommt er an dem kleinen Beistelltisch vorbei, auf dem ein Spiegel liegt. Smile tupft mit dem Finger ein paar winzige Krümel auf, reibt sich damit über das Zahnfleisch. Lässig rückt er sich mit dem Fuß einen Stuhl zurecht und setzt sich Tisch. * Scholle hat die alte Lederjacke an und schiebt nun die lederne Schiebermütze über die Haare. Sie gibt ihm ein abenteuerliches Aussehen, wie eine Figur aus Jack Londons Erzählungen. Er beugt sich über den Hamsterkäfig und seine Stimme knarrt wie ein eingerostetes Scharnier. "So, Alf, nicht traurig sein, morgen bin ich wieder da. Du musst hier schön aufpassen. Wenn jemand einbricht, dann bellst du böse – he, he, he!" Er wendet sich zum Vogelbauer, zärtlich streicheln seine riesigen Hände über die Stäbe des Käfigs. "Na, mein kleiner Pieper, da fühlst du dich doch wohl, mit sauberem Wasser und dem frischen Sand? Ja, morgen bin ich wieder da. Hoffentlich kannst du heute Nacht schlafen, auch wenn ich dich nicht zudecke. Nicht traurig sein." Scholle nimmt die fleckige, abgegriffene Aktentasche, klemmt sie unter den Arm und verlässt die Wohnung. Draußen hält er die Aktentasche zwischen den Knien, schließt die Tür sorgfältig mit zwei Schlössern ab, richtet sich auf und rüttelt sicherheitshalber noch einmal an der Tür, sicher ist sicher. Man weiß ja nie, wer sich tagsüber hier so rumtreibt. Irgendwo im Hinterhaus rasselt ein Wecker. Erschrocken sieht Scholle auf die Armbanduhr, schiebt die Aktentasche wieder unter den Arm und stolpert eilig die Treppe hinunter. * Im Einfamilienhaus in Frohnau rückt sich Zaster vor dem Spie-gel im Korridor die Krawatte zurecht. Das Tageslicht scheint durch die Glasbausteine neben der Eingangstür und Zaster schaltet die Deckenbeleuchtung aus. Sparen kann man auch mit Kleinigkeiten, warum kriegt das die Familie nicht in ihre Schädel? Hilde kommt hinzu. Ihr volles Gesicht hat nachdenkliche, trauri-ge Züge. Sie sieht ihn von der Seite her besorgt an, faltet die Hände vor ihrem Bauch und fragt ihn mit sanfter Stimme. "Benno, musst du dich dem noch aussetzen? Das haben wir doch gar nicht nötig. Tritt mal ein wenig kürzer und genieße das Erreichte ein wenig." "Hilde, was soll das? Ich bin immer noch fit oder zweifelst du daran? Soll ich so ein Geschäft sausen lassen? Soll das ein anderer machen? Soll ich mich mit einer dünnen Vermittlungsprovision zufrieden geben? Und dann versemmeln die das am Ende noch!“ Sie kennt ihren Mann zu gut, um zu wissen, dass sie ihm das jetzt nicht mehr ausreden kann. Das konnte sie noch nie. "Schon gut, schon gut. Pass bitte auf dich auf, mein Lieber, nicht dass dir was passiert." Zaster dreht sich jetzt zu ihr um. Er genießt ihre Fürsorge. Liebe-voll nimmt er sie in den Arm. Sie legt den Kopf an seine Brust. Hilde liebt es, wenn er in dieser Haltung mit ihr spricht und sie dem sonoren Timbre der Stimme an seinem mächtigen Brustkorb lauschen kann. "Aber sicher. Was soll schon passieren. Ist keine große Sache. Morgen bin ich wieder da und dann suchst du uns eine gemeinsame Wochenendreise aus." Hilde küsst Benno zärtlich. Der nimmt seinen Diplomatenkoffer, geht zur Tür. Für einen Augenblick bleibt er draußen vor dem Haus stehen und blinzelt in die Morgensonne. Die Wärme im Ge-sicht zu spüren tut gut. Der weiße Zaun grenzt die grüne Rasenfläche vor dem Haus ein. Von der Straße her werfen riesige Kastanien Schatten bis auf das Grundstück. Zaster schließt die Augen, warum hat er Hilde diese Reise versprochen? Warum hat er sich dazu hinreißen lassen? Auch eine solche Reise muss ver-dient sein. Sentimentalitäten passen nicht in den Geldverkehr. Verpflichtun-gen, Rücklagen, neue Pläne, alle das muss finanziert werden. Na, man wird sehen. Ohne sich umzusehen geht er zum Wagen, weiß, dass Hilde ihm nachsieht, er hasst das. Sie erinnert ihn damit an seine Mutter, die ihm noch endlos auf dem Schulweg hinterher ge-wunken hat, wenn er schon längst mit den Freunden unterwegs war. Zaster öffnet die Tür seines 7er BMW und dreht sich um. Hilde winkt ihm vom Haus aus zu. Die Mädchen stehen auf dem Balkon im ersten Stock. Sie lachen, sehen dabei unbeschwert und glück-lich aus. Die eine das dunkle Blond von Zaster in den Haaren, die andere ist kastanienfarbig wie Hilde, bevor sie grau wurde. Eine Laune der Natur. Beide gerade gewachsen und schlank. Hübsch - seine Mädchen. Der Mund von Benno Sohl öffnet sich leicht und er scheint zu lä-cheln, er nickt zum Haus hinüber, winkt noch einmal, steigt in den Wagen. Zaster steuert den Wagen von der Einfahrt herunter und fädelt sich in den laufenden Verkehr ein. * Bomber sitzt am Küchentisch und betrachtet nachdenklich die drei umhertobenden Kinder. Von seinem Platz aus kann er gleich-zeitig das Wohnzimmer und Kinderzimmer einsehen. Beide sind irgendwie, unerklärlich unordentlich, nicht aufgeräumt, wie bei einem ewigen Umzug. Es liegen Spielzeug und Kleidung herum, Schubladen sind nicht richtig geschlossen und Socken, Unterwä-sche oder Papiere quellen aus ihnen hervor. Sport- und Modezeitungen, Illustrierte und Magazine liegen umher und dazwischen immer wieder Tassen oder Gläser, obwohl Ute ständig am Aufräumen ist. Von draußen dröhnt der Verkehrslärm durch das Fenster herein und Ute klappert am Spülbecken mit dem Geschirr. Bomber be-trachtet seine Hände, dann seine Frau. Er hat sie mit den drei Kin-dern, der Wohnung und dem Geldverdienen in den letzten Mona-ten allein gelassen. Sie hat es in all den Jahren nicht leicht gehabt mit seiner cholerischen Art und seinen ständig neuen Ideen in den letzten sieben Jahren. Immer sollte es der große Wurf werden, aber nie hat er etwas zu Ende gebracht. Ute hat sich nie beklagt. Jetzt scheint sie seine Gedanken gespürt zu haben und dreht sich um. Bomber sieht ihre mageren, abgearbeiteten Hände, an denen die Adern dick hervortreten. Mit energischen Bewegungen trock-net sie sie an dem blauweiß karierten Trockentuch ab, ihr Blick hält dem seinen stand. "Hältst du das wirklich für notwendig, dass du wieder damit an-fängst?" Bomber schließt die Augen. Das hat er gewusst, dass sie diese Frage noch einmal stellen würde. Davor hat er Angst gehabt. Nächtelang hat er sich eine Antwort darauf überlegt. Tausend Argumente waren ihm durch den Kopf gegangen. Und jetzt, in diesem Augenblick, geht es wieder in seinem Schädel los. Ganz hinten im Kopf beginnt ein leises Rauschen. Der Puls beschleunigt sich, wie immer, wenn er nicht weiter weiß, sich nicht ausdrücken kann, die Logik ist weg, seine Stimme ist eine Nuance dunkler. "Kleene, ick hab inne letzten Jahren elf Jobs jemacht. Imma habense mir jefeuert oder haben Pleite jemacht. Wat soll ick denn machen?" Ute stellt sich hinter ihn und beugt sich ein wenig vor. Ihre Arme legen sich um seinen Hals, sie gibt ihrer Stimme einen sanften Klang. "Ja, ich weiß ja, aber vielleicht solltest du es noch einmal mit etwas aus der Zeitung versuchen." Bomber lehnt seinen Kopf an die Brust seiner Frau, spürt die Wärme, merkt, wie er schwach wird. Aber er will jetzt nicht schwach sein. Er hasst das. Er ist sich nie sicher, ob sie nur ihren Willen durchsetzen will. Ihn nicht doch nur verbessern oder noch schlimmer, bemuttern will. Glaubt, ihn führen zu müssen, wie eins von ihren Kindern. Das Rauschen im Schädel nimmt zu und ohne dass er sich dagegen wehren kann, nimmt er eine aggressive Haltung ein, versucht sich noch einmal gegen die aufkommende Wut, für die sie nichts kann, zu wehren. "Ach manno, ick hab keenen Bock mehr uff die Scheiße. Du hast ooch deene Arbeet vaalorn, die Hütte soll ooch jeräumt werden. So jeht dit nich mehr weita." Ute kennt ihn zu genau, versucht die Situation zu entschärfen, stellt sich gerade hin und versucht einzulenken. "Vielleicht klappt es ja in der nächsten Woche mit der neuen Putzstelle und mit der Verwaltung rede ich dann nochmal." Bomber blickt auf den Küchentisch und sieht den Bescheid mit der Androhung für die Wohnungsräumung. Mietrückstände und die Klagen anderer, überempfindlicher, Mieter wegen des Lärms der Kinder, dazu eine Anzeige, weil er dem Säufer Melanowksi aus der Siebenten mal etwas handgreiflich die Meinung gegeigt hat. Dieser Vollidiot hatte erzählt, dass er in der Fremdenlegion gewesen ist und damit besonders gefährlich wäre. Er, Mela-nowski, stelle hier im Block die Regeln auf. War nur ein Lautsprecher! Nichts hatte er drauf gehabt! BUMM! Knock Out. Pfeife! Na ja, da hatte er, Bomber, auch ein wenig über den Durst getrunken gehabt. Kann ja mal passieren. Dann liegt da noch Utes Kündigung von der letzten Putzstelle rum und das nur, weil sie wegen der Gören keine Wechselschicht machen kann. Daneben ein voller Aschenbecher, die Zeitung mit der Seite der Stellenanzeigen, ein Rest von der Schrippe, ein Wasserglas und die Flasche Cognac von gestern Abend. Bomber ist von all dem genervt. Das ganze Dilemma hier, vor ihm, auf einem Tisch, die Gören ahnen nichts und stellen ständig neue Ansprüche. Angefangen vom Computer über Spielzeug bis zu Klamotten. Das alles macht ihn gereizt. Er ist dieser Situation nicht mehr gewachsen, ist überfordert. Manchmal ekelt er sich sogar vor diesem Chaos in der Bude hier, manchmal schämt er sich, wenn sie Besuch bekommen. Manchmal will er weg. Aber es sind nur die Umstände. Klaus glaubt an sich, er ist ein Kerl, ein Macker, er wird seine Familie aus dieser sozialen Sackgasse führen. Er sucht eine klare Chance. Man muss ihn nur lassen. Jetzt hat er die Gelegenheit dazu und will die Sache durchziehen. Eine steile Falte hat sich zwischen den Augenbrauen in seine Stirn eingegraben und wie immer, wenn der Zorn in ihm hochsteigt, bekommt seine Stimme diesen aufgeregten Klang. "Ja, ja, ja, ja – und wenn dit nich klappt, dann vielleicht wieda ne Woche späta. Eener muss nu wat machen. Nee, ick fahr da heute hin, Schluss und Sense jetzt." Er ist jetzt an der Grenze, um laut zu werden. Dann würden sie sich streiten und er würde wütend aus der Wohnung stürmen und vielleicht einen Blödsinn anstellen. Ute geht zu ihm und streicht ihm über das Haar. "Schon gut Klaus, nicht aufregen. Du machst das schon. Komm aber pünktlich nach Hause, lass uns nicht unnötig warten." Bomber steht auf, geht schweigend in den Korridor, nimmt den Lederblouson und den Sturzhelm vom Haken, hebt den Rucksack vom Boden auf. Die Kinder sehen fern im Wohnzimmer. Bomber dreht sich um, sieht Ute, die ein wenig verloren im Rahmen zur Küche steht, in die Augen. Sie ist eine stolze Frau und er hat sie angeblafft. Sie hat ihm den Weg zur Versöhnung angeboten, aber er muss den letzten Schritt machen, damit dieser Misston nicht zwischen ihnen bestehen bleibt. Klaus, die Arme mit dem Helm und dem Rucksack hängen seit-lich herunter, nickt. Mehr kann er nicht, er weiß nicht wie. Darauf hat sie gewartet, das ist sein Zeichen, seine Bitte. Ute geht zu ihm, legt ihm beide Hände auf die Schultern. Ohne ein Wort küsst er Ute und verlässt die Wohnung. Alles ist wieder in Ord-nung. Auf der Straße besteigt Bomber die alte BMW. Bevor er den Helm aufsetzt, geht sein Blick noch einmal nach oben. Winzig ist Ute auf dem Balkon im achten Stockwerk zu erkennen, sie winkt. Daneben die kleinen Arme der Kinder, die von hier unten aussehen wie dürre Äste an einem Strauch, die im Wind hin und her wackeln. Ihm ist ein wenig seltsam zu Mute, er kann das Gefühl nicht genau bestimmten. Klaus winkt zurück. Für einen Augenblick überkommt ihn die ganze Liebe zu den vier Menschen dort oben dermaßen, dass er einen Schmerz in der Brust verspürt. Er zögert einen winzigen Moment, wird unsicher, zweifelt, wägt ab, ob er die Arbeit absagen soll, aber dann setzt er den Helm auf und tritt die Maschine an. * Smile überprüft noch einmal den Sitz seiner eleganten, sportli-chen Kleidung im Spiegel und nickt sich selbstverliebt zu. Mit der Linken streicht er routiniert die gewellten, weißblonden Haare glatt, wischt schnell über die Nase. Kritisch begutachtet er die fünf Uhren auf dem gefütterten Boden der Schublade und entscheidet sich für eine goldene. Die Blonde mit dem geilen Arsch räkelt sich im weißen Ledersessel. Bilder der vergangenen Nacht gehen ihm durch den Kopf. Du dreckige, kleine, geile Sau. Das Haar fließt ihr wie ein goldener Bach vom Kopf über die Schultern. Ihr Gesicht ist gelangweilt. Brauchst wohl ne Nase, Schlampe. Ab und zu leckt ihre Zunge über die vollen Lippen. Sie hat die Beine auf den Sessel gezogen und blättert in einem Body Building Magazin. Ihre Füße auf seinen teuren Sitzmöbeln? Muss diese Kuh sich mit ihren Tretern auf dem drei Mille Desig-nerstück herumflezen? Aber dieser Schwung der Hüfte, den Bogen des Arsches, auch der leichte Flaum auf den Oberschenkeln, ver-dammte Bitch. Sie weiß, was sie wert ist. Wieder dieses gefähr-liche Rucken im Sack, genau wie gestern Abend in der Diskothek, als er sie zum ersten Mal gesehen hat. Wie sie sich später, hier auf dem Lotterlager, wild unter ihm gewunden und immer mehr verlangt hat. Smile wirft einen Blick auf die Armbanduhr. Verdammt, die Zeit rast. Keine Chance für einen Fick. Der Job geht vor. Er braucht die Kohle. Schade. Die Blonde bekommt es ab. "He, Knackarsch, leg dir mal was um die Füße, du wirst hier gleich den Abflug machen!" Das Mädchen ist mehr als nur erstaunt, sie ist fast beleidigt. So etwas ist sie nicht gewöhnt. Die Männer, die ihren Körper einmal genossen haben, bemühen sich, sie nicht wieder zu verlieren. Im Gegenteil, die strampeln sich ab, damit sie weiterhin ihre Aufmerksamkeit haben. "Was soll das denn heißen?" Smile ist längst zu seiner Tagesplanung übergegangen. Der kur-ze Anflug von Geilheit ist weg. Die Perle stört nur noch. "Nu komm mir nicht auf die Tour oder glaubst du etwa, ich will dich heiraten? Mach, dass du in die Puschen kommst und dann schwing dein Fahrgestell hier raus." Na der tickt ja wohl nicht richtig. Sie wird ihm zeigen, wer hier das Kommando hat. Die laszive Art hat bis jetzt immer gezogen. Sie leckt mit der rosa Zunge ein paarmal über die Lippen, die jetzt feucht schimmern und räkelt sich tiefer in den Sessel, rutscht mit den nackten Fußsohlen über das weiße Leder und stellt dabei selbstbewusst ihren Schritt zur Schau, der sich prall in dem winzi-gen Slip abzeichnet, mehr zeigt als verbirgt. "Großer, ich denke, wir haben noch einige tolle Nächte vor uns. Was hältst du davon, wenn ich hier auf dich warte?" Widerspruch? Hat die nen Fisch im Kopf? Dieser blöden Fotze muss er erst mal Manieren beibringen. Ohne sie anzusehen, nimmt Smile einen ledernen Gürtel aus dem Schrank. Seine Augen sind schmal, während die Kiefer aufeinander malen, seine Stimme ist schneidend. "Ich höre wohl nicht richtig. Du meinst, du hast dir mit deiner Zuckerritze ein Bleiberecht erarbeitet? Was? Hier wird nicht diskutiert, hier wird getan, was der Meister sagt!" Smile geht auf die Blonde zu, die ihn mit großen Augen erstaunt ansieht, er legt die Gürtelenden zusammen und lässt die Lederstreifen hart gegeneinanderprallen, so dass ein scharfer, peitschender Knall entsteht. Aus dem Bad stöckelt die Asiatin herein. Fertig geschminkt, zum Gehen bereit. Sie weiß sofort, was los ist und für einen Augenblick glaubt sie, den Gürtel wieder selbst auf ihren Schenkeln zu spü-ren. Schon oft hat sie Smiles Reaktionen auf Widerspruch am eigenen Leib erlebt, bis sie es begriffen hatte, dass man mit ihm nicht diskutiert, nicht verhandelt. Schnell ist sie bei der Blonden, zieht sie aus dem Sessel hoch, sieht Smile bittend an. "Komm Kindchen, wir müssen los, nimm deine Schuhe in die Hand." Die Asiatin schiebt sich zwischen Smile und die Blonde. Für ei-nen Sekundenbruchteil hat auch die Blonde in den Augen von Smile seine Skrupellosigkeit gesehen und ein Hauch von Angst kriecht ihr die Wirbelsäule entlang, verbreitet ein Frösteln. Sie hat kapiert, dass hier mit ihrem sündigen Leib nicht mehr zu punkten ist. Wie alle Frauen bei Smile ist auch sie nur ein Schmuckstück, ein Häufchen Sahne, ein Objekt des Vergnügens für einen begrenzten Zeitraum. Vielleicht morgen wieder, vielleicht aber auch nicht. Sie nimmt ihre Schuhe und ihre Tasche. Die Asiatin öffnet bereits die Tür als Blondie noch ihre Jacke vom Haken nehmen will, aber ihre Retterin schiebt sie weiter. Kurz bevor die Blonde draußen ist, erwischt sie die Gürtelspitze am Arsch. Unter ihrem Schrei und nach einem kleinen Hüpfer schließt sich die Tür hinter ihnen. Smile atmet tief durch. Fast wäre er doch noch schwach gewor-den. Bilder von jugendlichem, frischen Fleisch, auf denen sich die Striemen seines Gürtels abzeichnen, Körper die sich winden, stöhnen und um Gnade flehen, nehmen Besitz von seinem Gehirn. Er leckt sich über die Lippen Die Kiefermuskeln zucken, seine Gestalt strafft sich. Aber er hat eine geschäftliche Verabredung und das steht nun mal an erster Stelle. Der ganze Scheiß hier muss ja bezahlt werden. Irgendwo muss die Asche herkommen. Smile kommt zu sich, dreht sich wieder dem Spiegel zu, er streicht mit der Linken sein Haar glatt. "Fotzen!" Die beiden Frauen haben schweigend die Straße erreicht. Wort-los stehen sie auf dem Gehweg. Verstohlen sieht die Blonde zu ihrer Gefährtin, will etwas fragen, findet keine Worte. Die Asiatin zuckt mit den Schultern. Sie hat auch keine Antwort auf die ungestellte Frage. Beide stecken sich eine Zigarette an, gehen in Richtung Hauptverkehrs Straße, in der Hoffnung, ein Taxi zu erwischen. Smile kommt mit seinem Audi-Cabrio aus der Tiefgarage gefah-ren. Aus der Musikanlage dröhnt in voller Lautstärke AC/DCs "Stiff Upper Lip". Ohne sie eines Blickes zu würdigen fährt Smile an den beiden Frauen vorbei, wirft die Jacke der Blonden aus dem Auto, von wo aus sie einen Bogen beschreibt und halb auf dem Gehweg, halb im Rinnstein liegen bleibt. * Der Rastplatz vor den Toren Berlins bietet den Reisenden nicht nur an den Tischen im Freien ausreichend Platz, sondern lädt auch zum Verweilen in dem freundlich eingerichteten Gasthaus ein. Nicht mit dem üblichen Kantineninventar ausgestattet, sondern mit den Accessoire des American Style der Fifties. Hier ein Blechschild mit dem Schriftzug der Route 66, dort eine alte Wurlitzer Musikbox und am Eingang zur Toilette prangt die typische alte Zapfsäule, wie sie in vielen Musikfilmen gerne gezeigt wird. Die Luft ist gefüllt mit dem Geklapper von Geschirr und den Gesprächsfetzen der Gäste. Ständig öffnet sich die Tür und schließt sich wieder, Autofahrer gehen mehr oder weniger hektisch ein und aus. Im Hintergrund sitzen vier Männer an einem Tisch, bemühen sich, unauffällig zu sein. Ihre Gesichter sind gelangweilt, ab und zu sieht einer aus dem Fenster hinüber zum Parkplatz. Der gedrungene Typ mit dem unrasierten Kinn rührt gedankenverloren in seinem Kaffee. Sein Teint ist dunkel. Die Augen fast so schwarz wie seine Haare. Er sieht jeden der drei anderen einen Augenblick an. "Wenn Post gleich kommt und isch sage, dann jeder von euch, in ein Auto. Fahrer sind türkisch Kollegas. Gut aufpassen, weißt du, 25 Kilo Gepäck heute. Er macht eine bedeutungsvolle Pause. "Also Vorsicht." Wieder sieht er von einem zum anderen. Torsten, lang, schlaksig und Brillenträger, schielt aus dem Fens-ter. Seine knochigen Finger weisen brüchige und abgekaute Fingernägel auf. Das braune Kassengestell seiner Brille lässt die ungesund wirkende Farbe seines Gesichtes noch fahler und käsiger erscheinen, als es von Natur aus schon ist. Nervös trommelt er auf die Tischplatte. "Mensch, Veysel, kann ich nicht mit Walter zusammen fahren? Da weiß ich wenigstens, dass alles klappt. Vielleicht können mich deine Kumpels nicht richtig verstehen." Veysel zieht die Augenbrauen zusammen. Warum müssen die Deutschen immer denken, dass man ihre Sprache nicht versteht? Schließlich verstehen mehr Türken Deutsch, als Deutsche Tür-kisch. Wer also sind die Idioten? "Eh halt mal Klappe. Hier wird gemacht, was isch sage. Du, Torsten, für Dich nochmal extra: Gemischte Teams, wegen gemeinsam Geschäft und so. Damit fertisch." Etwas unsicher geworden sieht Torsten zu Walter und versucht sein Gesicht zu wahren. Schließlich kann ihn dieser Scheisskanake hier nicht einfach so anpinkeln. Bloß weil die Branche plötzlich „Kooperation“ groß schreibt. "Aber. " Veysel zuckt zusammen, die Asche bröselt von der Zigarette auf den Tisch. Ruckartig zuckt sein Gesicht in Richtung Torsten. "Schnauze. entweder du machst wie isch sage oder gehst. Sag einfach, wie willst du. ?" Walter, ein kantiger Vierziger, dem die Spuren eines harten Le-bens ins Gesicht gezeichnet sind, legt seine Hand auf Veysels Arm und drückt ihn beruhigend. Er will diesen Job entspannt über die Bühne gehen lassen, will die paar müden Euro auf die Ruhige ver-dienen und sich nicht mit Kompetenzgerangel abgeben. "He Veysel, alter Junge, lass gut sein. Der Junge ist neu und ein wenig unsicher. Lass man, ich kenne ihn, der macht schon seinen Job." Plötzlich ein heller Ton. Die drei zucken zusammen. Der vierte Mann, der dicke kleine Stefan, mit flinken, wachen Augen, hat mit dem Löffel an seine Tasse geschlagen. "Nu bleibt mal geschmeidig Mädels. Da kommen gerade drei Autos hintereinander auf den Parkplatz. Das sind sie wohl, oder?" Durch die Scheibe erkennen sie einen BMW, einen Daimler und einen Rover, die auf den Parkplatz rollen. Die Fahrer sind hinter den Windschutzscheiben mehr zu erahnen, als wirklich zu sehen. Ihre Silhouetten im Wageninneren lösen sich über die Reflexion des Sonnenlichtes auf dem Glas fast auf. Veysel starrt einen Augenblick lang auf die angekommenen Au-tos, nickt zufrieden ohne den Blick vom Parkplatz zu nehmen. "Genau, das ist Post. Wir noch warten, ganz Ruhe. Auf mein Zeichen raus. Ganz Ruhe, dauert. Wir haben Zeit. Wollt ihr was trinken?“ Torsten beugt sich zu Walter. "Auf was warten wir denn jetzt?" Veysel schielt missbilligend in seine Richtung. "Wir warten ab, ob die drei da unten observiert werden, ob jemand im Schlepp fährt." "Ach ja, so so." Stefan lehnt sich zurück, verschränkt die Hände im Nacken und genießt die Sonne, die durch die Scheibe auf sein Gesicht fällt. "Na, das dauert ja noch eine halbe Stunde, da nehm ich noch ein Schälchen Tee." Er nickt Veysel zu, der sich nach der Bedienung umdreht. Seine Augen finden die junge Frau am Tresen und als ob sie seinen Blick gespürt hat, dreht sie sich zu ihm um. Veysel gibt ihr mit der Hand ein Zeichen, dass er noch etwas bestellen möchte.
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Productinformatie
  • Editie:EPUB  Meer informatie
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  • ISBN: 9783944223162
  • Auteur: Lothar Berg
  • Uitgave: AAVAA Verlag
  • Jaar van uitgave: 2014
  • Taal: Duits
  • Bladzijden: 192
  • Artikelnummer: 61077478
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